Artenvielfalt in der Landwirtschaft

Im Laufe der Geschichte entstand im Offenland eine grosse Artenvielfalt. Die ländliche Umgebung war stark strukturiert, Bäche und Hecken durchzogen die Landschaft, Lesesteinhaufen entstanden an Parzellenränder, es gab sehr viele Obstbäume. Diese kleinräumige und vielfältige Landschaft führte zu einer sehr hohen Artenvielfalt.
Doch ab dem zwanzigsten Jahrhundert änderte sich das gesellschaftliche Umfeld. Die Bevölkerung und der allgemeine Wohlstand wuchsen. Dadurch kam die Landwirtschaft stärker unter Druck. Auf immer weniger Fläche (die Siedlungen und Verkehrsachsen verschlingen heute noch laufend Landwirtschaftsflächen) mussten immer mehr Nahrungsmitel produziert werden um die Bevölkerung zu ernähren. Gleichzeitig ermöglichten technische Errungeschaften eine intensivere Landwirtschaft und damit eine Erhöhung der Produktion. Kunstdünger, Traktoren und Pflanzenschutzmittel veränderten aber auch die Landnutzung. Hecken und Tümpel wurden immer häufiger als Hinderniss wahrgenommen. In Meliorationen, grossräumigen Projekten zur Verbesserung der landwirtschaftlichen Produktion, wurden die Landschaft für eine effiziente Produktion optimiert. Parzellen wurden vergrössert, Wege erstellt, Hindernisse entfernt und Bäche eingedolt.
Durch die Umstrukturierungen und den vermehrten Einsatz von Düngern schwand aber die Lebensgrundlage von vielen Pflanzen und Tieren. Viele Objekte, welche einer rationellen Bewirtschaftung im Wege stehen, erfüllen wichtige ökologische Funktionen. So benötigt beispielsweise die Geburtshelferkröte (Glögglifrosch) Weiher und nahe gelegene Steinhaufen um sich fortpflanzen zu können. Fehlt nur eines dieser Elemente, wird auch der Glögglifrosch wegbleiben. So ist diese einst weit verbreitete Kröte heute in der Region Basel nur noch sehr selten anzutreffen. Der Steinkauz, bis in die 70er  Jahre in der ganzen Schweiz verbreitet, benötigt ausgedehnte Hochstammobstgärten mit einem hohen Anteil an Kleinstrukturen und Blumenwiesen. Viele, heute seltenen, Tier- und Pflanzenarten wurden so verdrängt. Dies betrifft aber nicht nur Arten mit dermassen komplexen Anforderungen. Auch einst eher banale Arten, wie die Margerite, wurden immer stärker zurückgedrängt. Die Artenvielfalt in der Landwirtschaft ist stark zusammegeschrumpft, erhält durch neue Direktzahlungssysteme aber momentan wieder etwas Rückenwind.

Neue Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass ein hohe Artenvielfalt dem Menschen sehr stark Zugute kommt. Diensteleistungen der Natur wie Wasserreinigung, Bestäubung von Kulturpflanzen aber auch kulturelle Werte werden besser erbracht, wenn die Artenvielfalt höher ist. Schlussendlich profitiert also der Mensch und die Landwirtschaft auch von einer natürlichen und stabilen Artenvielfalt. Dabei sollten sich die beiden Bereiche Lebensmittelproduktion und Biodiversität nicht konkurrenzieren sondern ergänzen. Ganz nach dem Motto:
"Brot und Blumen"
 
Es sind Artikel erschienen, welche sich mit dem Thema befassen:
Artikelserie FaunaFocus: "Landwirtschaft, Biodiversität, Agrarpolitik - Zusammenhänge und künftige Wege" (Artikel ist kostenpflichtig)
Hotspot: "Ökosystemleistungen"
"Die Biodiversität und die Produktion von Nahrungsmitteln widersprechen sich nicht. Auch auf den Ökoflächen produzieren wir hervorragende Nahrungsmittel, einfach ein bisschen weniger."

Jürg Gysin, Landwirt
 Danke, dass es den "Oekoausgleich" gibt. Denn wenn Vielfalt Einfalt ersetzt, dann gewinnen alle dabei.

Daniel Zwygart, Biologielehrer und Präsident NVVZ
«Biodiversität ist Leben – deshalb brauchen wir ökologisch produzierte Lebensmittel.»

Suzanne Oberer,
Präsidentin BNV